Yip Man


Vornehmer Kung Fan


Von angesehener Familie stammend  und als reicher  Eigentümer einer großen Farm sowie einer ganzen Strasse  mitsamt ihren Häusern hätte Yip Man das behütete und  verwöhnte Leben eines jungen Landedelmannes führen  können, der seine Hände nicht schmutzig zu machen  braucht.  Aber zur Überraschung seiner Umwelt entwickelte  er schon  früh eine Liebe für die Kunst des Kämpfens.


(Anzumerken ist, dass es für einen gebildeten Chinesen durchaus nicht standesgemäss war oder ist, Kung-Fu als Hobby zu wählen. Ebenso wie im Westen Boxen oder Ringen galt dies als Zeitvertreib der unteren Schichten. Erst im Westen konnte z.B. asiatische Kampfkunst verbrämt und häufig aufgewertet durch Pseudo-Philosophie junge Intellektuelle anziehen. Im Gegensatz zum Karate, das in Japan und im Westen an den Universitäten betrieben wird, so dass Studenten und Akademiker damit schon früh in Berührung kommen, blieb chinesisches Kung-Fu eine Freizeitbeschäftigung der Arbeiterklasse, die zwar die besseren Kämpfer stellt, aber natürlich keine theoretisch geschulten Lehrer. So ergibt es sich, dass die meisten Wing Tsun-Lehrer etwa Kellner und Köche waren oder sind, die die Theorie weder verstanden haben, noch an ihre Schüler weitervermitteln konnten. Yip Man war eine glückliche Ausnahme.) Im Alter von 11 Jahren erhielt er bereits Kung-Fu-Unterricht von Chan Wah Shun (Wah der Geldwechsler), einem Lieblingsschüler von Grossmeister Leung Jan in Fatshan aus der Provinz Kwangtung. Wah der Geldwechsler besass keine eigenen Unterrichtsräume für seine Kung-Fu-Schule, sondern mietete im Bedarfsfall Räumlichkeiten an. Nun ergab es sich, dass Yip Mans Vater so freundlich gewesen war, ihm den alten Familientempel des Yip-Clans zur Verfügung zu stellen. Leider hatte Wah nur wenig Schüler aufgrund des hohen Schulgeldes von monatlich 3 Tael Silber. Als Sohn des Vermieters kam Yip Man natürlich leicht in Kontakt mit Chan Wah Shun. Wahs Technik hatte es Yip Man angetan, so dass er beschloss, Wing Tsun von ihm zu lernen. Eines Tages brachte der junge Yip Man dem völlig überraschten Chan Wah Shun die drei Tael Silber und bat um Aufnahme in Chans Schule.


Wah war aber misstrauisch und fragte sich, wo der Junge wohl soviel Geld herhaben mochte. Als er sich bei Yips Vater erkundigte, erfuhr er, dass der Junge seine Spardose dafür geplündert hatte. Gerührt von Yip Mans Entschlusskraft, Wing Tsun lernen zu wollen, akzeptierte Wah ihn schliesslich doch als Schüler, unterrichtete ihn aber nur halbherzig und nicht sehr ernsthaft, da er Yip Man für einen jungen Gentleman hielt, der für die Kampfkunst eigentlich zu zart war. Dennoch gelang es Yip Man, mit Hilfe seiner Intelligenz und unterstützt von seinen älteren Kung-Fu-Brüdern (Si-Hings) eine Menge zu lernen. So konnte er endlich auch Wahs Vorurteil ihm gegenüber abbauen, so dass Wah ihn wirklich unterrichtete. Während seiner 36-jährigen Unterrichtszeit hatte Wah insgesamt nur 16 Schüler gehabt, seinen eigenen Sohn Chan Yu Min mitgerechnet. Von allen diesen Schülern war Yip Man der jüngste. Als Wah der Geldwechsler starb, war Yip Man 16 Jahre alt. Im selben Jahr verließ Yip Fatshan, um in Hongkong am St. Stephen's College zu studieren.