Yip Man


Glück oder Pech ?


Es gab ein Ereignis in Yip Mans Studienzeit in Hongkong, das  er niemals vergessen sollte. Eine enttäuschende Niederlage,  die sich dann schließlich als wahrer Glücksfall entpuppen sollte. Dadurch, dass er einen Kampf verlor, konnte er den  Gipfel seiner Kung-Fu-Karriere erklimmen.  Yip Man war sehr aktiv am studentischen Leben beteiligt. So ergab es sich auch, dass Yip Man verschiedene Kämpfe  gegen europäische Kommilitonen klar gewann, obwohl er viel  kleiner als diese war. Später gab er zu, dass er damals zu arrogant und selbstsicher war.


Eines Tages sprach ein Kamerad namens Lai Yip Man an: "In unserer Firma gibt es einen Kung-Fu-Mann von über 50 Jahren. Er ist ein Freund meines Vaters. Würdest du dich trauen, ein paar Bewegungen mit ihm zu machen?" Yip Man, ein selbstbewusster junger Mann, der Niederlagen nicht kannte und sich vor niemandem fürchtete, nahm die Herausforderung sofort an und willigte ein, den Mann zu treffen. Am vereinbarten Tag brachte ihn sein Klassenkamerad zu einer Seidenfirma in der Jervois Street, wo der ältere Mann auf ihn wartete. Er wurde ihm als Herr Leung vorgestellt und sprach: "Du bist also ein Schüler des ehrenwerten Meisters Chan Wah Shun aus Fatshan. Du bist noch jung. Was hast du von deinem Si-Fu gelernt? Bist du schon mit der Cham-Kiu-Form fertig?" Yip Man war aber so begierig mit dem Kampf endlich anzufangen, dass er dem Mann gar nicht richtig zuhörte und statt dessen nur irgendwelche unverbindlichen Worte von sich gab, während er sich seines langen Gewandes entledigte und zum Kampf fertig machte. In diesem Augenblick sagte der Mann lächelnd, dass Yip Man jeden Teil seines Körpers angreifen könne und dass er selbst sich auf die reine Abwehr beschränken werde und auf Gegenangriffe verzichte. Er werde Yip Man auf gar keinen Fall verletzen. Durch all dieses wurde Yip Man nur noch wütender. Dennoch griff er ruhig und besonnen an. Aber der ältere Mann konnte selbst seine stärksten Angriffe leicht und beinahe lässig abwehren. Wiederholt landete Yip Man auch auf dem Boden. Er stand immer wieder auf, versuchte einen anderen Angriff, um am Ende herauszufinden, dass er keine Chance hatte. Später erkannte er, dass der ältere Mann Leung Bik war, der jüngste Sohn Grossmeister Leung Jans aus Fatshan, des Si-Fus von Chan Wah Shun (der Geldwechsler). Und wir erinnern uns, dass Chan Wah Shun der Lehrer Yip Mans gewesen war. Das bedeutet, dass der ältere Mann in Wirklichkeit der Kung-Fu-Bruder von Yip Mans väterlichem Lehrer (Si-Fu) war, also einer höheren Generation als seiner angehörte, so dass Yip Man ihn eigentlich mit "Onkel" anzusprechen hatte. Wenn Yip Man am Anfang ihrer Begegnung, als Leung Bik ihn daraufhin befrage, nicht zu eingebildet gewesen wäre, hatte er diese verwandtschaftliche Beziehung gleich erkannt. Sobald Yip Man dieser Tatsache aber verstanden hatte, kam Yip Man, dessen Si-Fu nicht mehr lebte, der Gedanke, seine Studien unter Leung Bik fortzusetzen.


Diese Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt lassen. Leung Bik seinerseits hatte das Potential dieses jungen Mannes erkannt, dem es nur an entsprechendem Unterricht und an Erfahrung mangelte. So versprach Leung Bik Yip Man, ihn im WingTsun zu unterrichten. Seitdem folgte Yip Man Leung Bik viele Jahre lang und lernte alle Geheimnisse des WingTsun. Im Alter von 24 Jahren kehrte Yip Man dann als wahrer Meister des WingTsun in seine Heimatstadt Fatshan zurück.