Yip Man


Zurück in Fatshan


Wieder in Fatshan führte Yip Man das unbeschwerte und  angenehme Leben eines reichen Sohnes, der sich keine  Sorgen zu machen brauchte. So hatte er viel Zeit, mit  seinem Si-Hing Ng Chung So und dessen Schüler Yuen Kay  Shan Wing Tsun zu praktizieren, so dass er immer besser  wurde. Yuen Kay Shan hatte den Spitznamen "Yuen der  Fünfte", weil er der fünfte Sohn seines Vaters war.


Deshalb nannten ihn alle Leute in Fatshan so, und seinen richtigen Namen kannte bald keiner mehr. Obwohl Yuen der Fünfte in Wirklichkeit ein paar Jahre älter war als Yip Man, galt er in der chinesischen Kung-Fu-Terminologie als "Neffe" (Si-Djuk), da Yip Man einer höheren Kung-Fu-Generation angehörte, das heißt, schon früher mit dem Wing Tsun begonnen hatte. Aber da sie auch viel privaten Kontakt hatten, vergaßen sie (für die chinesische Tradition ungewöhnlicherweise) die Kluft zwischen ihren Generationen und wurden gute Freunde. In Fatshan stellte Yip Man eine aufschlussreiche, aber auch irgendwie beunruhigende Tatsache fest: Er war viel besser geworden als seine älteren Kollegen (Si-Hings). Dies blieb auch seinen älteren Mitschülern nicht verborgen, die sich beklagten, dass er etwas gelernt habe, was ihr gemeinsamer Meister Chan Wah Shun nicht unterrichtet hatte. Aus diesem Grunde beschuldigten ihn besonders die, die er besiegt hatte, von der "wahren Lehre" des Wing Tsun abgewichen zu sein, also kein "richtiges Wing Tsun" mehr zu betreiben. (Kurioserweise wurden Leung Ting, der die "weiche Technik" als Privatschüler von Yip Man persönlich erlernte, später dieselben Vorwürfe gemacht). Darüber hinaus gab es viele Auseinandersetzungen zwischen Yip Man und seinen Si-Hings. Glücklicherweise konnte Ng Chung So seinen Kollegen den Sachverhalt verständlich machen. Er verriet ihnen, dass ihr Si-Fu, Chan Wah Shun, obwohl er selbst ein grosser Könner war, ihnen vieles, was er selbst praktisch beherrschte, nicht beibringen konnte, weil er keine wissenschaftliche Vorbildung hatte, um ihnen die komplexe Theorie des Wing Tsun darzulegen. Leung Bik, der Sohn ihres Kung-Fu-Großvaters (Si-Gung) dagegen, war nicht nur ein Wing Tsun-Experte, sondern darüber hinaus ein Gelehrter.


shalb konnte er Yip Man die wichtige Theorie des Wing Tsun genaustens erklären. (Hier gilt als Parallele anzumerken, dass z.B. fast alle bekannten Veröffentlichungen über Yip Mans Kampfkunst zwar das Einhalten der "Zentrallinie" als das Wichtigste bezeichnen, aber offenbar niemand außerhalb der Leung Ting-Schule diese richtig definieren kann.) Hier lag der Unterschied zwischen Yip Man und seinen älteren Kollegen begründet.