Yip Man


Ein Kampf für Charlie Wan


In Fatshan gab es einen Freund von Yip Man, den man Charlie  Wan nannte und der dringend eine größere Geldsumme benötigte.  Charlie Wan war ein Kämpfer des Choy-Lee-Fut-Stiles, der als  praktische Kampfmethode bekannt ist, sich aber technisch  erheblich vom Wing Tsun unterscheidet.

Obwohl sie Freunde waren, stellten sie nie Vergleiche zwischen ihren Kampfstilen an oder sprachen in irgendeiner Weise darüber. Das machte die Einwohner Fatshans neugierig, wer von ihnen der bessere Kämpfer sei. So wollte man einen öffentlichen Kampf ausrichten, wobei die Einnahmen aus den Eintrittsgebühren Charlie Wan zukommen sollten, der das Geld dringend brauchte. Charlie Wan war zuerst dagegen, weil er befürchtete, dass dadurch seine Freundschaft mit Yip Man belastet werden könnte. Aber seine finanzielle Situation war so schlimm, dass er schließlich doch einverstanden war, vorausgesetzt, dass sich ein Vermittler dafür findet. Diese Rolle – sowie die des Veranstalters und Kampfrichter – übernahm Lee Kwong Hoi. Yip Man hatte überhaupt keine Einwände, sondern sah nur die finanziellen Vorteile für seinen Freund und die Werbewirkung für die Kampfkunst überhaupt. Um den Showkampf noch spektakulärer und attraktiver zu gestalten, wollte Yip Man sogar mit verbundenen Augen antreten. Dadurch wurde das Interesse der Öffentlichkeit natürlich noch um einiges größer, und jeder wollte erleben, wie dieser Mann, der Kam San Mao in der ersten Minute ausgeknocked hatte, blind kämpfen konnte. Einige jedoch fürchteten, dass Yip Mans Chance sehr gering war. (Es wird darauf hingewiesen, dass gerade der Choy Lee-Fut-Stil über viele Angriffe verfügt, die nicht über die Mitte von vorne, sondern schwingrig und kreisförmig von der Seite kommen, wodurch sie vom Verteidiger auch optisches Reagieren verlangen. Das Reagieren auf taktile Reize – wie sonst im Wing Tsun gegenüber zentralen Angriffen üblich – der Leser sei auf das Buch Vom Zweikampf von Keith R. Kernsprecht verwiesen – greift hier in der Regel nicht, es sei denn, es besteht schon Körperkontakt). Am Kampftag stürmten die Schaulustigen die Arena. Auf das Zeichen vom Kampfrichtern, Lee Kwong Hi, begannen die zwei Kämpfer. Charlie Wan ging sofort in die Offensive, während Yip Man – mit verbundenen Augen – schnell den Kontakt mit dem Gegner suchte, damit ihm seine Arme die Absicht des Gegners mitteilen konnten. Obwohl Charlie Wans Angriffe mit wilder Kraft ausgeführt waren, wurde Yip Man nicht getroffen. Er konnte den Angreifer sogar trotz seiner Augenbinde oft verfolgen und Gegenangriffe anbringen. In dieser Weise lieferten sie sich zur Begeisterung der Zuschauer einen immer erhitzter und verbissener werdenden Kampf, bei dem keiner nachbeben wollte. Schließlich brach der kluge Lee Kwong Hoi von sich aus den Kampf ab und erklärte ihn für unentschieden, da er befürchten musste, dass sonst einer der beiden Kämpfer ernsthaft verletzt würde. Diese weise Entscheidung wurde von allen Zuschauern mit johlender Zustimmung aufgenommen.